Der Unterschied zwischen Microblogging und Chatten

Wenn man intensiver in die „schöne neue Web 2.0-Welt“ eintaucht, kommen Fragen auf, die einen selbst darauf hinweisen, dass man ganz allmählich eine differenziertere Sichtweise auf die Dinge bekommt. Auf die Vorlesung „Digitale Kommunkation“ zurückblickend, fragte ich mich neulich, was eigentlich der Unterschied zwischen Microblogging und Chatten in der Gruppe ist. Da ich keine Antwort wusste, fragte ich einen Kollegen, der es wissen musste. Er verwies mich an einen Post von C. Spannagel, in dem genau diese Frage thematisiert wurde.

Der Beitrag von C. Spannagel zeigt mir einmal mehr, dass die intensive Beschäftigung mit den Bedingungen und Strukturen computervermittelter Kommunikation sowie mit dem Interaktivitätsbegriff nicht umsonst gewesen ist, auch wenn sich daraus in den zurück liegenden Monaten ein unerwartet hoher Mehraufwand ergeben hat. Mir ist der Unterschied nun klarer, auch wenn ich anders argumentiert hätte, als C. Spannagel. Das von ihm bemühte Bild des Großraum-Büros finde ich nicht ganz so zutreffend, wie es die vielen lobenden Kommentare zunächst vermuten lassen. Ein Großraumbüro wird man vermutlich in einer Firma finden, d.h. die darin befindlichen Personen haben einen gemeinsamen, funktional begründeten Handlungskontext. Diesen sehe ich bei Twitter eigentlich nicht, wohl aber beim Gruppen-Chat. Insofern ist das Bild des Großraumbüros für mich eher passend für den Gruppen-Chat, insbesondere auch in Ersetzung des in Herrn Spannagels verwendeten Bildes der Mittagspause.

Twittern (als Kommunizieren im öffentlichen Raum) ist eher wie die Situation auf dem Kölner Domplatz oder in der Speakers Corner im Hyde-Park. Nach der Devise: „Ich tue hiermit kund …“, wendet man sich an ein disperses Publikum und ist sich dessen auch vollkommen bewusst. Unmittelbares Feedback wird man nicht oder nur spärlich erwarten, z.B. in Form von Nachfragen oder ergänzenden Statements. Ganz anders dagegen verhält es sich beim Gruppen-Chat. Man ist sich der Abgegrenzheit des Zuhörer-Kreises durchaus bewusst, auch wenn es sich dabei um 100 und mehr Personen handelt. Die Teilnehmer des Gruppen-Chats teilen in gemeinsames (thematisches und damit funktional begründetes) Interesse. Sie sind die Angehörigen einer Firma, die im Großraumbüro für das Wohl ihres Unternehmens schaffen. Kurze Mitteilungen quer durch das große Büro drehen sich um den gemeinsamen Handlungskontext und erwarten in der Regel ein (unmittelbares) Feedback, zumindest in Form einer Bestätigung. Chatten folgt der Devise: „Ich rede mit …“.

Da wir letztlich alle über E-Learning und damit Bildung reden, hier noch ein weiterer Vorschlag für die Versinnbildlichung des Unterschieds zwischen Mikroblogging und Chatten, zwischen Twittern und Skypen:

Twittern ist wie das Halten einer Vorlesung. Jemand teilt sich anderen mit, erwartet eventuell kurze Rückfragen oder Anmerkungen und bezieht diese in seinen Vortrag mit ein. Chatten ist wie der Diskurs in einem Seminar. Die Kommunikation in dieser Situation lebt von der Interaktion. Das Argument von Ego führt zur Äußerung von Alter, auf eine Rede folgt eine Gegenrede …

Ganz in diesem Sinne setze ich Twitter vorlesungsbegleitend ein (und habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht). Chat-Kanäle kommen demgegenüber in Seminarsituationen/Team-Besprechungen zum Einsatz und unterstützen das, was dort zu besprechen ist, sehr effizient.

Der Unterschied zwischen Twitter und Chat-Kanal hat also ganz sicher nichts mit Jogginghosen zu tun, denn – ganz ehrlich – ich will nicht wirklich lesen müssen, wer weshalb gerade mit Jogginghose rumläuft und eine Zigarette braucht. Dazu fehlt mir angesichts von mehr als 100 Studenten-Blogs, die alle vom Dozenten gelesen werden wollen, einfach die Zeit. So, wie es aussieht, lernen wir den vernünftigen Umgang mit Microblogs also erst noch. Notorische Selbstdarsteller (Leute mit Hang zu verbaler Diarrhoe) stehen auf lange Sicht im sogenannten realen Leben auch schnell allein da. Ich vermute mal, dass es im Twitterverse demnächst nicht anders sein wird: Quality matters!

7 thoughts on “Der Unterschied zwischen Microblogging und Chatten

  1. Hallo,

    interessanter Beitrag – ich kann dir trotzdem nicht ganz zustimmen. 🙂

    Die Metapher des Großraumbüros (die übrigens nicht von mir, sondern von Martin Ebner stammt, wie ich selbst später festgestellt habe), passt meines Erachtens auf Twitter eher als auf Gruppenchats: Man beobachtet ja in der Regel nicht beliebige Leute auf Twitter (wie dies beispielsweise auf dem Kölner Domplatz wäre), sondern Menschen, mit denen man irgendeine Verbindung hat (Freunde, Bekannte, oder einfach nur Menschen, die einen inhaltlich interessieren, Menschen, die in derselben Gegend wohnen). Die Gründe können vielfältig sein – einen Grund gibt’s aber in der Regel. Auf dem Kölner Domplatz verbindet mich mit den Menschen nichts (ausgenommen der Platz natürlich). Natürlich verbindet mich nicht mit allen Menschen, denen ich in Twitter folge, ein und derselbe Kontext. Aber auch in Großraumbüros gibt es vielleicht durchaus unterschiedliche Abteilungen, die an anderen konkreten Zielen arbeiten, mit denen ich aber auf vielfältige Weise aus meiner Abteilung heraus verbunden sein kann.

    Ich beispielsweise beobachte auf Twitter viele Menschen, die sich mit Web 2.0 und Bildung beschäftigen. Insofern haben wir einen gemeinsamen Handlungskontext.

    Das Entscheidende an der Metapher ist übrigens tatsächlich der HANDLUNGSkontext, nicht etwa der GESPRÄCHSkontext. In einem Großraumbüro sehe ich, wenn mein Kollege telefoniert. In twitter sehe ich das natürlich nicht direkt, sondern nur, wenn der „Kollege“ schreibt „ich telefoniere gerade“. Das heißt, die Handlungen, die man normalerweise in einem Großraumbüro beobachten würde, werden durch Status-Tweets repräsentiert. In einem Gruppenchat geht es „lediglich“ um ein Gespräch – die Handlungen fehlen. In Twitter hat man – genau wie im Großraumbüro – beides, nämlich Handlungen und kurze Gespräche.

    Twitter ist meiner Ansicht nach auch nicht mit einer Vorlesung vergleichbar. Ich halte keine Vorträge in Twitter. Ich schreibe, was ich gerade mache, denke, beabsichtige zu tun usw.

    Ich halte übrigens die Jogginghose für extrem wichtig. Denn bei Twitter ist es wie bei vielen anderen virtuellen Umgebungen: Ich ziehe aus der Virtualität dann einen großen Nutzen, wenn ich mich mit den Personen oder Gruppen auch einmal im Reallife treffe. Durch „Jogginghosen-Tweets“ (das ist natürlich übertrieben; es geht um persönliche, weniger inhaltliche Informationen) nehme ich bei den Menschen, mit denen ich verbunden bin, nicht nur an der Arbeit teil (=Inhalte), sondern auch an deren Leben – was einen extrem sozialen Wert hat. Das merkt man dann, wenn man den Menschen im Reallife trifft – man begegnet sich auf einer vertrauteren Ebene.

  2. Twittern kann sehr bewusst für einen kleinen Zuhörerkreis eingesetzt werden. Es ist freilich monologischer, kann aber auch zum Chatten verwendet werden. – Der Unterschied ist m.E. dass die Beiträge in weit größeren Abständen erfolgen. Aber das hängt von der je subjektiven Verwendung ab.

  3. @apanat: Da stimme ich voll und ganz zu. Soweit ich Twittern verstanden habe, findet der ggf. darüber laufende Chat aber in aller Öffentlichkeit, sozusagen vor laufender Kamera statt. in der Großraumbüro-Metapher müsste man sich das wohl so vorstellen: ich rufe jemandem etwas zu und alle anderen Kollegen im Großraumbüro bekommen es mit. Das trägt, wie Christian Spannagel bemerkt, zur Vertrautheit der Situation und zum kollektiven Bewusstsein bei und kann daher als Investition in das soziale Gefüge betrachtet werden, das den Rahmen für die Kommunikationsaktivitäten bereit stellt. Als „Norddeutscher“ möchte ich ergänzend hinzufügen, dass hier ein gesundes Mittelmaß wichtig ist. Zuviele Statusmitteilungen – vor allem über allzu private Befindlichkeiten – würden auf mich kommunikationshemmend wirken, weshalb ich diesen Teil der Twitter-Kultur auch nicht bediene.
    @Christian Spannagel: Ich gebe zu, dass ich in meine Betrachtungen den Aspekt des „Folgens“ nicht mit einbezogen habe. Insofern ist das Gleichnis mit den Domspatzen tatsächlich schlecht gewählt. Gleichzeitig scheint es mir so zu sein, dass unsere Twitter-Nutzung unterschiedlich motiviert ist. Auf der einen Seite reden wird von Status-Tweets (als Ersatz für eine selbst aufgestellte „Überwachungskamera“). Auf der anderen Seite die Bedienung einer für das Bloggen typischen Kommunikationssituation (Adressierung eines dispersen Publikums). Beiden Nutzungsperspektiven gemeinsam ist die Kürze und Prägnanz des Kommunikats. Anstelle eines ressourcenaufwändigen Webcam-Streams wird eine kurze Textmeldung mit den „Essentials“ kommuniziert. Statt eines sorgfältig geschriebenen und einigermaßen umfänglichen Blog-Posts wird eine Folge von Microblog-Posts verwendet, mit denen es eben auch gelingt, das Besondere der aktuellen Situation einzufangen.
    Der besonders wichtige soziale Wert ergibt sich für mich weniger durch die Möglichkeit, „am Leben der anderen teilzunehmen“, als vielmehr durch die Erkenntnis gleichartiger Ansichten und Wertevorstellungen. Der für soziale Netzwerke (Communities) so entscheidende Aspekt der Selbstoffenbarung kann durchaus unterschiedlich erfolgen. Anstelle von: „Ich sitze gerade in Jogginghosen und mit einer Tüte Chips vorm Fernseher“ bevorzuge ich lieber: „Ich sitze gern mal vorm Fernseher – in Jogginghosen und mit ’ner Tüte Chips“.

    Ich hoffe, der Beitrag konnte deutlich machen, dass ich nach einem Semester intensiven Twitterns in der Hochschullehre Twitter als Werkzeug nicht mehr missen möchte. Gerade für die Vorlesung und die darüber hinausgehende Beschäftigung mit dem Lehrstoff sowie die Selbst-Organisation der Studierenden hat es sich als sehr sinnvoll erwiesen. Mit Hilfe von Twitter ist an die Stelle der kollektiven Lehrveranstaltungswandzeitung der kollektive Lehrveranstaltungsticker getreten. Live gepostet wurde eine Kurzfassung der wöchentlichen Vorlesung, angereichert durch spontane Nachfragen und Anmerkungen bzw. Wertungen. Die Studierenden ihrerseits nutzten den Tweet in der Zwischenzeit für die Ankündigung von Angeboten zur Kollaboration sowie zu die Vorlesungsinhalte anreichernden Hinweisen. Sozial motivierte Statusmeldungen waren in dem Tweet #dico08 kaum vertreten. Sie waren wohl auch nicht nötig, weil dem ganzen Kurs der – für Ilmenauer Verhältnisse typische – starke Matrikelverbund als kollektiver Rahmen zugrunde lag.
    Für den Seminareinsatz erschien mir Twitter weniger gut geeignet, vor allem deshalb, weil sich mir der Mehrwert einer in aller Öffentlichkeit durchgeführten Seminarsitzung nicht sofort aufdrängt. Gleichwohl kann ich mir einen solchen Mehrwert vorstellen. Allerdings müssten dann auch die Studierenden an einer öffentlichen Seminarsitzung teilnehmen wollen – hier stoßen wir wieder an die Grenzen der informationellen Selbstbestimmung.

  4. Es gibt bei Twitter zwei Möglichkeiten. Die meisten twittern öffentlich, man kann aber auch nur für einen von einem selbst bestimmten Personenkreis twittern. Beide Methoden unterscheiden sich sehr deutlich, insofern müsste man sie differenziert vom Chatten abgrenzen.

  5. Hallo zusammen,

    ich kann hier Christian nur vollkommen zustimmen: die Metapher des „Großraumbüros“ trifft es wirklich auf den Punkt! Zusätzlich zum herkömmlichen Büro hab ich bei Twitter auch noch die Möglichkeit meine Kollegen gezielt auszusuchen 😉 Und so wie ich es auch in einem Büro machen könnte/würde, wenn ich etwas interessant finde, steige ich in den Diskurs mit ein oder gehe einem Tipp nach (z.B. „Zur Steuerprüfung gibt es jetzt ein neues Formular“ oder „Gehe jetzt zur Mittagspause“).
    Ansonsten spielt eben gerade die von Christian erwähnte soziale Komponente über die Status-Meldungen einen wesentliche Rolle und macht mir Twitter so sympathisch, da man am Denken/Leben/Handeln/… anderer teilnehmen und andere teilhaben lassen kann.
    Ich würde Microblogging strikt vom Bloggen und auch vom Chatten abgrenzen:
    Bloggen ist für mich u.a. die gezielte Auseinandersetzung mit einem Thema, Microblogging hingegen flüchtiges Aufschnappen und Weitergeben von Informationen.
    Chatten ist ein Diskurs mit einer mir meist bekannten Gruppe an Personen, zu einem bestimmten Thema, Microblogging hingegeben ist die flüchtige Auseinandersetzung zu einer Vielzahl von Themen mit einem selbst zusammengestellten und/oder auch dispersen Publikum.
    BTW: Hannes, exakt: Twitter ist KEIN Chat! Sicherlich kann es mal zu einem längeren Austausch kommen, jedoch würde ich persönlich dann immer auf Skype, Google Talk oder eben einem Blog ausweichen. Allerdings hat Twitter, genutzt als „großer öffentlicher Chat“, sicherlich auch Vorteile, so kann nämlich potenziell jeder daran teilnehmen und auch mit bis dato unbekannte Personen kann man auf diese Weise in Kontakt treten und so sein Netzwerk ausbauen.

    Beste Grüße aus Bremen,

    Thomas

  6. Dank an Thomas für das letzte Stückchen Aufklärung. Mir ist die Großraum-Metapher jetzt besser verständlich. Für meinen eigenen Umgang mit Twitter passt sie zwar nicht, aber das macht nichts. Mir ist in unserem Diskurs klar geworden, das die Wahrnehmung von Twitter stark davon abhängt, wie man diesen Webdienst nutzt, sowohl inhaltlich als auch technisch-organisatorisch. Für mich spielte die Perspektive des “Follower”-Seins bislang nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr bestimmend für meine Wahrnehmung von twitter-basiertem Microblogging war die öffentliche Einbindung eines Tweed über Monitter.COM. Diese Art des Twittern für ein völlig disperses Publikum passt auch zu meinen aktuellen Überlegungen bezüglich der Gestaltung von “Social TV” Angeboten.
    Microblogging in dem von Thomas beschriebenen Sinne der (mehr oder minder) flüchtigen Auseinandersetzung mit mindestens einem Thema halte ich für sehr bereichernd, besonders auch im Kontext der Hochschullehre. Twittern im Sinne von (allzu privaten) Statusmeldungen würde ich für mich selbst erst einmal ausschließen, was nicht heißt, dass ich daraus eine Erwartungshaltung an andere ableiten würde. Die Unterstützung der Herausbildung von sozialen Bindungen, die ein virtuelles Netzwerk erst zu einem wirklichen, weil sozialen Netzwerk – also einer Community – machen, findet für mich eher nicht durch die vermeintliche Teilhabe am Leben der anderen statt, sondern vielmehr durch die Teilhabe an den Anschauungen und (Wert-)Vorstellungen, also ihrer Meinung zu bestimmten Sachverhalten. Insofern will ich mal einen plakativen Spruch prägen, der vielleicht mal ein T-Shirt zieren könnte:

    “I Microblogging! But I’m not a Twitterer!”

    Zur Klarstellung hier nun mein geschärftes Begriffsverständnis:

    Bloggen: Gezielte Auseinandersetzung mit einem Thema (Danke Thomas!) und an ein disperses Publikum adressiert;
    Microbloggen: Flüchtige Auseinandersetzung mit einem Thema im Sinne eines Aufschnappens, (knappen) Bewertens und Weitergebens von Informationen an ein disperses Publikum; dadurch können viele Themen quasi gleichzeitig behandelt werden;
    Twittern: Kurze Statusmeldungen mit Einblicken in den persönlichen Bereich der mitteilenden Person, in der Regel mit Hilfe von Microblog-Diensten und daher zumeist an ein disperses Publikum gerichtet; (nicht zu verwechseln mit der Nutzung des Dienstes Twitter!)
    ChattenTeilnahme an einem (gezielten) Diskurs in einer als mehr oder minder geschlossen wahrgenommenen Gruppe;